Vor Kurzem habe ich mich mit jemandem unterhalten, der ebenfalls Kinder hat. Ich habe auch Kinder, also kamen wir natürlich irgendwann auf ihre Entwicklung zu sprechen: Wer konnte was in welchem Alter, wer hat wann etwas gemacht – und wer eben noch nicht.
Und plötzlich ging mir eine Frage nicht mehr aus dem Kopf:
Wann wurde aus Kindheit eigentlich ein Wettbewerb?
Natürlich verstehe ich, dass es Entwicklungsmeilensteine gibt. Kinderärzte, Pädagogen und andere Fachkräfte brauchen gewisse Orientierungspunkte. Ungefähr wann ein Kind zu laufen oder zu sprechen beginnt, wie sich seine Motorik und Kommunikation entwickeln und vieles mehr.
Das hat selbstverständlich seinen Sinn. Denn dadurch kann man auch erkennen, wenn ein Kind tatsächlich Unterstützung benötigt.
Aber zwischen „ungefähr in diesem Alter“ und „das muss es bis dahin können“ liegt für mich ein gewaltiger Unterschied.
Denn Kinder sind nicht gleich.
Das eine spricht früher. Das andere ist motorisch schneller. Ein Kind erzählt mit drei Jahren schon ausführliche Geschichten, während ein anderes noch nach den richtigen Worten sucht. Eines liebt es zu malen, während ein anderes keine fünf Minuten stillsitzen kann.
Und welches davon ist deshalb besser?
Oder anders gefragt:
Warum sollte überhaupt eines besser sein müssen?
Oft beginnt dieses Vergleichen übrigens gar nicht bei Fachleuten.
Wir Eltern können darin ebenfalls erstaunlich gut sein.
„Mein Kind kann das schon.“
„Meines spielt nie mit dem Handy.“
„Bei uns gibt es keinen Fernseher.“
„Meines kann schon auf Englisch zählen.“
„Mein Kind ist so gut erzogen, wenn ich es hinsetze, bleibt es sitzen.“
Und natürlich gibt es auch die andere Seite:
„Deines kann das noch nicht?“
„Es spricht noch kein Englisch?“
„Es kennt noch nicht alle Kinderreime?“
Fast so, als gäbe es irgendwo eine unsichtbare Anzeigetafel, auf der ständig Punkte vergeben werden.
Mein Kind: 8.
Deins: 6.
Oh, entschuldige – dann habe ich wohl gewonnen.
Aber was eigentlich?
Was gewinnen wir wirklich dadurch?
Dafür braucht es nicht einmal einen Kinderarzt oder Pädagogen.
Ein Spielplatz reicht völlig aus.
Wie oft saß ich schon am Rand eines Spielplatzes und hörte dabei zu, wessen Kind angeblich besser, schneller oder weiter war.
„Meines hat in dem Alter längst gesprochen.“
„Meines klettert schon alleine hoch.“
„Meines kann schon zählen.“
„Meines würde so etwas niemals machen.“
„Meines hört viel besser.“
Und aus einem völlig normalen Gespräch entstand innerhalb weniger Minuten ein unsichtbarer Wettbewerb.
Eine Mutter erzählte etwas über ihr Kind – und die nächste hatte sofort eine Geschichte darüber parat, dass ihres das schon früher konnte, schneller geschafft hatte oder darin noch geschickter war.
Ich saß oft einfach nur da und hörte zu.
Und dachte:
Warum muss daraus ein Wettbewerb werden?
Warum können wir uns nicht einfach darüber freuen, dass ein Kind in einer Sache besonders gut ist und ein anderes eben in etwas anderem?
Das Absurde daran ist:
Die Kinder selbst kamen meistens wunderbar miteinander aus.
Es interessierte sie überhaupt nicht, wer zuerst sprechen konnte. Sie fragten einander nicht, wann der andere trocken geworden war, wer mehr Kinderreime kennt oder den größeren Wortschatz besitzt.
Sie spielten einfach.
Während wir Erwachsenen auf der Bank saßen und manchmal schon ihre imaginäre Rangliste erstellten.
Vielleicht ist genau das das Absurde daran.
Während Kinder noch gar nicht miteinander konkurrieren, sind es manchmal wir Erwachsenen, die ihnen beibringen, wie das geht.
Wenn wir unbedingt darüber diskutieren wollen, was ein Dreijähriger „können muss“, waren für mich persönlich ganz andere Dinge wichtig als beispielsweise, ob mein Kind irgendwelche anspruchsvollen Texte auswendig aufsagen konnte.
Mir war wichtiger, dass mein Kind nach und nach selbstständig essen konnte. Mit Löffel und Gabel umgehen lernte. Sich zum Essen an den Tisch setzte. Beim Toilettengang zunehmend selbstständiger wurde. Verstand, dass man danach spült und sich die Hände wäscht.
Nicht, weil mein Kind dadurch besser wäre als ein anderes.
Sondern weil das alltägliche Fähigkeiten sind, die seine Selbstständigkeit fördern.
Und genau hier muss ich mich selbst erwischen.
Seht ihr, wie schnell man wieder beim Vergleichen landet?
Auch ich habe das erlebt.
Als wir nach Baranya zogen, war meine Tochter gerade drei Jahre alt. Im Kindergarten hob eine Erzieherin sie einmal vor anderen Kindern und Eltern hervor.
Sie sagte sinngemäß, da sei dieses Mädchen aus Budapest, gerade drei geworden, das seine Suppe selbst löffele und die Hauptspeise mit der Gabel esse, während manche fünf- oder sechsjährigen Kinder noch gefüttert werden müssten.
Und ich stand da.
Eigentlich hätte ich stolz sein können.
Stattdessen war mir die Situation unangenehm.
Denn plötzlich war mein Kind zum Maßstab geworden, an dem andere Kinder gemessen wurden.
Und natürlich schauten die anderen Eltern zu mir.
Nicht unbedingt begeistert.
Dabei hatte ich nie darum gebeten, meine Tochter anderen Kindern als Vorbild vorzuhalten.
Und vermutlich hatten diese Kinder ebenfalls nicht darum gebeten, mit ihr verglichen zu werden.
Vielleicht liegt genau darin das Problem.
Wenn wir zu einem Kind sagen:
„Schau mal, das andere kann das schon!“
Was wollen wir damit eigentlich erreichen?
Motivation?
Vielleicht bringen wir ihm stattdessen nur bei, ständig darauf zu achten, wer vor ihm liegt.
Wer geschickter ist.
Wer schneller ist.
Wer klüger ist.
Wer häufiger gelobt wird.
Und später wundern wir uns darüber, wenn dieser Mensch sich auch als Erwachsener ständig mit anderen vergleicht.
Für mich war es jedenfalls interessant, nach unserem Umzug nach Deutschland andere Erfahrungen zu machen.
Ich behaupte weder, dass hier alle Pädagogen so arbeiten, noch dass in Ungarn überall Kinder miteinander verglichen werden. Ich kann lediglich von unseren persönlichen Erfahrungen erzählen.
Meine Tochter hat beispielsweise die zweite Klasse wiederholt. Obwohl sie sehr gut Deutsch spricht, hatte sie Schwierigkeiten beim Textverständnis.
Und etwas hat mir dabei besonders viel bedeutet:
Ihre Lehrerin stellte ihr kein anderes Kind als Vergleich vor die Nase.
Niemand sagte:
„Schau mal, dieses Kind hatte ähnliche Voraussetzungen und ist trotzdem viel besser als du.“
Man suchte nicht irgendeine andere Schülerin oder irgendeinen anderen Schüler, an dem sie gemessen werden konnte.
Stattdessen ging es um sie.
Was braucht sie?
Wo steht sie gerade?
Was bereitet ihr Schwierigkeiten?
Wo benötigt sie noch Unterstützung?
Und wie kann sie weiterkommen, ohne dabei das Gefühl zu bekommen, ständig hinter jemand anderem herzuhinken?
Vielleicht hatten wir einfach Glück mit den Pädagogen.
Andere Familien machen in Deutschland möglicherweise ganz andere Erfahrungen. Und natürlich gibt es auch in Ungarn unzählige Erzieherinnen, Lehrer und andere Fachkräfte, die ein Kind niemals dadurch erniedrigen würden, dass sie es ständig mit einem anderen vergleichen.
Deshalb ist das für mich eigentlich keine Frage des Landes.
Es ist eine Frage der Haltung.
Wir sollten nicht ständig darauf schauen, wo ein Kind im Vergleich zu einem anderen steht.
Wir sollten schauen, wie es sich im Vergleich zu sich selbst entwickelt.
Natürlich gibt es Entwicklungsverzögerungen, die erkannt werden müssen. Es gibt Situationen, in denen professionelle Unterstützung notwendig ist.
Ich sage keineswegs, dass wir bei allem einfach die Schultern zucken und sagen sollten:
„Das lernt es irgendwann schon.“
Aber die Entwicklung eines Kindes aufmerksam zu begleiten und Kinder gegeneinander antreten zu lassen, sind zwei völlig unterschiedliche Dinge.
Das eine fragt:
Wie kann ich diesem Kind helfen?
Das andere fragt:
Warum ist dieses Kind nicht wie das andere?
Das sind zwei völlig verschiedene Welten.
Vielleicht sollten auch wir Eltern uns häufiger selbst fragen:
Wenn wir stolz aufzählen, was unser Kind schon alles kann – freuen wir uns einfach nur darüber?
Oder möchten wir insgeheim vielleicht auch hören:
„Wow, dann ist deins ja besser!“
Auf das eigene Kind stolz zu sein, ist etwas Wunderbares.
Aber dafür müssen wir kein anderes Kind kleiner machen.
Mein Kind kann in einer Sache großartig sein, während deins in etwas völlig anderem großartig ist.
Das eine spricht mit drei Jahren bereits sehr differenziert.
Das andere isst selbstständig.
Das dritte besitzt eine unglaubliche Empathie.
Und das vierte klettert überall hinauf und sorgt dafür, dass seinen Eltern dreimal am Tag beinahe das Herz stehen bleibt.
Und wisst ihr was?
Es sind Kinder. Keine Wettkämpfer.
Kinder sollten nicht gegeneinander antreten.
Sie sollten miteinander spielen.
Eltern sollten nicht versuchen, sich gegenseitig zu übertrumpfen.
Sie sollten einander unterstützen.
Und vielleicht müssen gerade wir Erwachsenen zuerst etwas lernen, das wir unseren Kindern so oft vermitteln möchten:
Nur weil jemand in etwas besser ist als ich, bin ich dadurch nicht weniger wert.
Und genauso wird mein Kind nicht weniger wert, nur weil ein anderes bereits etwas kann, das meines noch nicht gelernt hat.
Deshalb interessiert mich die Frage wirklich:
Warum machen wir aus Kindheit einen Wettbewerb, wenn Kinder eigentlich nur spielen wollen?





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