👨‍👩‍👧‍👦 Familie

Raus aus dem tiefen Loch – als ich endlich wieder zu leben begann

Die Flucht bedeutete noch lange nicht, dass ich wirklich frei war. Jahre voller Angst, Albträume und Erinnerungen folgten. Dies ist meine Geschichte darüber, wie ich langsam wieder nach oben fand und mein eigenes Leben zurückgewann.

Im vorherigen Teil habe ich an dem Punkt aufgehört, an dem ich glaubte, nach meiner Flucht wäre endlich alles vorbei.

Das war es nicht.

Es sollten noch viele Jahre vergehen, bis ich wirklich sagen konnte:

Ich bin frei.

Nach der Gewalt war ich irgendwann in Sicherheit. Zumindest körperlich.

In meinem Kopf war ich es noch lange nicht.

Jahrelang lebte ich mit Angst. Wenn wir irgendwohin gingen, hatte ich Angst. Wenn das Telefon klingelte, zuckte ich zusammen. Wenn er wusste, wo ich war, bekam ich Panik.

Auch später bedrohte er mich immer wieder.

Am Telefon, von dort, wo er sich zu diesem Zeitpunkt befand.

Er drohte mir mit dem Tod. Er sagte, dass er mich beobachten lasse, dass er wisse, was ich tue und dass ihm nichts entgehe.

Und ich versuchte einfach weiterzuleben.

Und meine Kinder zu schützen.

Wenn es nötig war, brachte ich sie für einige Zeit zu ihrer Oma. Wenigstens sie sollten nicht erleben müssen, was ich erlebte.

Denn ich wusste inzwischen, wie es sich anfühlt, nicht zu wissen, ob man die nächste Nacht überlebt.

Dann war er irgendwann plötzlich nicht mehr Teil unseres Alltags.

Er kam zunächst in Untersuchungshaft und später ins Gefängnis. Auf die Einzelheiten möchte ich hier bewusst nicht eingehen.

Und ich begann langsam wieder zu atmen.

Zuerst bemerkte ich nur, dass keine Antwort mehr kam, wenn ich ihm schrieb.

Dann merkte ich, dass ich nicht mehr über alles Rechenschaft ablegen musste.

Ich musste niemandem mehr erklären, wohin ich ging.

Mit wem ich mich traf.

Wann ich nach Hause kam.

Was ich machte.

Langsam hörte ich mit dieser ständigen Berichterstattung auf, die für mich über Jahre völlig normal geworden war.

Dann kamen die Besuche.

Der Kontakt.

Und irgendwann kam ein Krankenwagen.

Mein Sohn wusste bereits, was passiert war.

Ich wollte es noch nicht glauben.

Etwa zwei Stunden später kam der Anruf:

Er war tot.

Die ersten drei Tage waren schrecklich.

Nicht, weil ich ihn vermisste.

Sondern weil plötzlich eine Frage in meinem Kopf auftauchte, die heute vielleicht schwer nachzuvollziehen ist:

Was passiert jetzt mit mir?

Wer kontrolliert mich jetzt?

Wer bestimmt meine Regeln?

Wer sagt mir, was ich darf und was nicht?

Denn körperlich war ich längst frei.

Aber in meinem Kopf lebte ich immer noch nach seinen Regeln.

Langsam wachte ich daraus auf.

Freundinnen halfen mir.

Eine sagte irgendwann während eines Gesprächs einfach:

„Du musst anfangen zu leben.“

Und sie hatte recht.

Also fing ich an.

Und es tat unglaublich gut.

Doch nur weil er aus unserem Leben verschwunden war, waren all die Jahre voller Schmerz nicht plötzlich gelöscht.

Nicht aus mir.

Und auch nicht aus den Kindern.

Ich kann nur meine eigene Seite erzählen. Ich kann nicht in die Köpfe meiner Kinder schauen und behaupten zu wissen, wie sie alles empfunden haben.

Manchmal sprachen wir darüber.

Manchmal monatelang nicht.

Und manchmal kam das Thema plötzlich wieder hoch.

Ich selbst kämpfte jahrelang damit, das Erlebte zu verarbeiten.

Ich hatte Albträume.

Jahrelang.

Ich ging zu einer Psychologin und auch zu einem privaten Psychiater. Nicht stationär, sondern ambulant.

Drei Jahre dauerte es, bis die Albträume endlich verschwanden.

Drei Jahre.

Und selbst danach brauchte ich noch Zeit.

Ich brauchte Paartherapie.

Geduld.

Und einen Menschen, der nicht sagte:

„Jetzt komm endlich darüber hinweg.“

Sondern einen Menschen, der blieb.

Mein heutiger Mann war damals noch mein Lebensgefährte und der Vater unseres gemeinsamen Kindes. Auch seine Familie hat mir unglaublich dabei geholfen, mich Stück für Stück wieder aufzurichten.

Auch unsere Beziehung begann nicht einfach.

Aber wir blieben zusammen.

Denn wenn man ganz unten angekommen ist, gibt es irgendwann zwei Möglichkeiten.

Man gräbt unter sich noch ein Stück tiefer.

Oder man beginnt nach oben zu klettern.

Ich begann zu klettern.

So schwer es auch war.

So sehr es wehtat.

Und so langsam es manchmal voranging.

Heute sind viele Jahre vergangen.

Ich träume nicht mehr von ihm.

Er beherrscht meine Gedanken nicht mehr.

Ich lebe nicht mehr in ständiger Angst vor dem, was damals passiert ist.

Und noch etwas hat sich verändert.

Wenn ich meinen Sohn aus meiner ersten Ehe ansehe, erkenne ich manchmal Gesichtszüge, die mich an seinen Vater erinnern.

Vor einigen Jahren hätte mich das noch unglaublich belastet.

Heute nicht mehr.

Denn ich sehe nicht seinen Vater.

Ich sehe meinen Sohn.

Meinen erstgeborenen Sohn.

Und das ist ein gewaltiger Unterschied.

Auch wenn meine Kinder nicht bei mir leben, gehören sie zu meiner Familie.

Und nicht nur für mich.

Auch für meinen Mann und unsere beiden gemeinsamen Kinder.

Für uns gehören sie genauso zur Familie, selbst wenn wir nicht unter derselben Adresse leben.

Denn Familie entsteht nicht dadurch, dass alle im selben Haus wohnen.

Sondern dadurch, dass Menschen miteinander verbunden sind.

Ich wünsche mir, dass wir eines Tages wirklich wie eine große, glückliche Familie zusammengehören können.

Dafür braucht es Zeit.

Auch meine Kinder haben ihre eigene Geschichte, ihre eigenen Gefühle und ihren eigenen Weg. Und auch ich habe noch Dinge, an denen ich arbeiten muss.

Aber ich sitze nicht mehr unten in diesem Loch.

Ich bin auf dem Weg nach oben.

Vielleicht schreibe ich genau deshalb darüber.

Nicht, damit ihr Mitleid mit mir habt.

Nicht, damit jemand sagt, wie stark ich sei.

Und schon gar nicht, damit jemand fragt:

„Warum bist du nicht einfach gegangen?“

Denn heute weiß ich, dass es darauf keine einfache Antwort gibt.

Ich schreibe darüber, weil vielleicht nur ein einziger Mensch diesen Text liest, der gerade dort steht, wo ich damals stand.

Und vielleicht denkt dieser Mensch:

„Vielleicht kann ich es auch schaffen.“

Dann hatte es bereits einen Sinn, diese Geschichte zu erzählen.

Wir dürfen nicht akzeptieren, dass jemand uns verletzt.

Wir dürfen nicht glauben, dass wir nichts wert sind.

Und wir dürfen nicht glauben, dass wir vollkommen allein sind.

Hilfe zu finden kann unglaublich schwer sein.

Vielleicht kommt sie nicht in dem Moment und nicht von der Person, von der wir sie erwarten.

Aber manchmal reicht ein einziger Mensch, damit wir beginnen, uns zu bewegen.

Ein Neuanfang ist schwer.

Sehr schwer.

Aber er ist möglich.

Und wenn du irgendwann ganz unten angekommen bist, dann fang nicht an, noch tiefer zu graben.

Fang an, nach oben zu klettern.

Auch wenn es langsam geht.

Auch wenn du dabei weinst.

Auch wenn du Angst hast.

Fang einfach an.

Ich habe es auch getan.

Und heute bin ich hier.

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