Als ich meine Schwiegermutter kennenlernte, war sie ein echtes Energiebündel. Niemand hätte ihr auf den ersten Blick ihr Alter angesehen. Sie war ständig unterwegs, organisierte alles und kümmerte sich um unzählige Dinge.
Oft erinnerte sie mich an meinen eigenen Vater – nur eben in der weiblichen Version.
Der einzige Unterschied war, dass sie Diplom-Ingenieurin für Architektur war und als hervorragende Fachfrau einen ausgezeichneten Ruf genoss.
So ist sie mir bis heute in Erinnerung geblieben.
Stark.
Entschlossen.
Charismatisch.
Ihr Sohn war der wichtigste Mensch in ihrem Leben.
Und welche Mutter würde sich nicht um ihr Kind sorgen?
Das ist schließlich völlig normal.
Gleichzeitig ließ sie ihn seinen eigenen Weg gehen. Sie wusste, dass man manchmal erst hinfallen muss, um später wieder aufstehen zu können.
Sie war eine starke und unabhängige Frau.
Voller Gefühle.
Auch wenn sie diese nur selten zeigte.
Sie hatte ihre Geheimnisse.
Manche davon erfuhr ich erst viele Jahre später.
Doch das ist eine andere Geschichte.
Wenn man irgendwohin musste, kannte sie jede Straße auswendig. Sie wusste genau, wo sich welches Amt befand und wo man welche Angelegenheit erledigen konnte.
Sie war wie ein wandelndes Navigationsgerät.
Und gleichzeitig wie ein Lexikon.
Sie erzählte unzählige Geschichten.
Geschichten, aus denen man immer etwas lernen konnte.
Sie war entschlossen.
Und stur.
Na gut …
... in dieser Hinsicht unterschieden wir uns gar nicht so sehr.
Es gibt das Sprichwort, dass zwei starke Köpfe nicht gut unter einem Dach auskommen.
Irgendwie haben wir es trotzdem geschafft.
Keiner von uns gab gerne zu, wenn der andere recht hatte.
Eines war jedoch immer sicher.
Niemand durfte ihr oder mir von außen wehtun.
Wenn uns jemand angriff, hielten wir sofort zusammen.
Wir wären füreinander durchs Feuer gegangen.
Selbst dann, wenn wir uns wenige Minuten zuvor noch wegen einer völlig belanglosen Kleinigkeit gestritten hatten.
Man sagt, einen Menschen lernt man erst richtig kennen, wenn man mit ihm zusammenlebt.
Und in schwierigen Zeiten erkennt man, wer einem wirklich wichtig ist.
Als sie krank wurde, blieb ich bis zum letzten Moment an ihrer Seite.
Ich hatte damals ein Neugeborenes.
Und ein dreijähriges Kind.
Trotzdem war es für mich selbstverständlich, mich um sie zu kümmern.
Nicht aus Pflichtgefühl.
Sondern aus Liebe.
Und das wusste sie.
Als sie das letzte Mal ins Krankenhaus kam, bat sie mich zu sich und sagte:
„Es tut mir leid, dass ich dich falsch eingeschätzt habe. Du bist diejenige, auf die ich mich immer verlassen konnte. Pass gut auf meinen Sohn und auf meine Enkel auf.“
Diese Worte klingen bis heute in meinen Ohren nach.
Jedes Mal, wenn ich daran denke, steigen mir die Tränen in die Augen.
Wie so oft versuchte ich, meinen Schmerz mit einem kleinen Scherz zu überspielen.
Doch tief in meinem Inneren hatte ich schreckliche Angst.
Angst davor, dass dies vielleicht unser letztes Gespräch sein könnte.
Mit einem Lächeln antwortete ich:
„Sie wissen doch, ich bin diese manchmal etwas hysterische, verrückte Frau … Aber wenn es darauf ankommt, bin ich immer da. Ich lasse Sie nicht allein. Ich verspreche Ihnen, ich hole Sie wieder aus dem Krankenhaus nach Hause.“
Leider konnte ich dieses Versprechen nicht halten.
Noch heute muss ich einen Moment innehalten, wenn ich an diese Stelle denke.
Sie fehlt mir.
Sehr.
Viele sagen, dass Schwiegermütter und Schwiegertöchter selten gut miteinander auskommen.
Wir waren da keine Ausnahme.
Manchmal waren wir wirklich wie Hund und Katze.
Wir stritten.
Wir waren stur.
Und manchmal schmollten wir tagelang.
Doch wenn mich heute jemand fragen würde, wie meine Schwiegermutter war, müsste ich keine Sekunde überlegen.
Ich würde antworten:
Sie war die beste Schwiegermutter, die ich mir hätte wünschen können.
Bis heute tut es mir weh, dass ich sie nicht mehr aus dem Krankenhaus nach Hause bringen konnte.
Damals hatte ich das Gefühl, dass wir alles getan hatten, was in unserer Macht stand.
Mein Mann und ich waren jeden einzelnen Tag bei ihr.
Wir versuchten zu helfen.
Wir stellten Fragen.
Wir kümmerten uns um alles, was möglich war.
Und wir kämpften für sie – so gut wir eben konnten.
Heute weiß ich, dass es Dinge gibt, die wir einfach nicht kontrollieren können.
Vielleicht war genau das die schwerste Lektion meines Lebens.
Loslassen.
Denn wenn wir das nicht lernen, werden Wut und Schmerz uns irgendwann von innen heraus auffressen.
Von einer Sache bin ich jedoch bis heute vollkommen überzeugt.
Mein Mann und ich haben damals alles getan, was wir nur tun konnten.
Und noch heute ertappe ich mich manchmal dabei, wie mir in bestimmten Situationen ganz automatisch derselbe Gedanke kommt:
„Wenn Mama doch noch hier wäre … Sie wüsste bestimmt, was jetzt zu tun ist.“ ❤️





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